Mit dem Leben anstoßen – oder doch lieber nur nippen?

Ernährung Gesundheit

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Zwischen Normalität und Nachsorge

Ein lauer Sommerabend. Freundinnen und Freunde haben sich versammelt, um den Tag in gemütlicher Runde ausklingen zu lassen. Eine Flasche Wein wird geöffnet.
„Willst du auch ein Gläschen?“
Eine scheinbar alltägliche Szene – und doch geraten viele Menschen, die eine Tumortherapie hinter sich haben, in genau diesem Moment in einen inneren Konflikt. Bei manchen ist er leise, bei anderen sehr präsent. Die zugrunde liegende Frage ist oft dieselbe:

„Was kann ich meinem Körper eigentlich noch zumuten, nachdem er gerade die größte medizinische Belastung seines Lebens durchgestanden hat?“

Viele ahnen bereits, dass ihr Körper heute anders reagiert als früher. Und dennoch gehört Alkohol hierzulande zur sozialen Normalität. Er gilt als Genussmittel, das – in Maßen – gesellschaftlich akzeptiert ist. Doch was bedeutet „in Maßen“, wenn man eine Krebserkrankung überstanden hat?

Die Forschung der letzten Jahre zeichnet hierzu ein zunehmend differenziertes Bild.

Es gibt keine Menge an Alkohol, die als risikofrei gelten kann.

International Agency for Research on Cancer (IARC)

Alkohol

Ein unterschätzter Risikofaktor

Anstoßen
Ich denke es ist allgemein bekannt, dass Alkohol alles andere als ein neutraler Stoff ist. Im Körper wird Ethanol zu Acetaldehyd abgebaut – einer Substanz, die nachweislich DNA-Schäden verursacht.

Bereits 1988 stufte die International Agency for Research on Cancer (IARC) Ethanol und Acetaldehyd als klar krebserregend für den Menschen (Gruppe 1) ein. Die Kernaussage der IARC ist eindeutig:

„Es gibt keine Menge an Alkohol, die als risikofrei gelten kann.“

(siehe: IARC Evidence Summary rief No.6).

Schon bei gesunden Menschen erhöht Alkoholkonsum das Risiko für verschiedene Krebsarten – darunter Tumoren der Mundhöhle, der Speiseröhre, der Leber, des Darms und der Brust (Rumgay, Murphy, Ferrari, & Soerjomataram, 2021). Besonders relevant wird diese Einschätzung jedoch für Menschen, die bereits eine Tumortherapie hinter sich haben.

Denn medizinische Behandlungen wie Chemotherapie, Bestrahlung oder operative Eingriffe hinterlassen Spuren auf zellulärer Ebene. Sie können persistierende DNA-Schäden verursachen, chronische niedriggradige Entzündungsprozesse fördern und die zelluläre Reparaturfähigkeit langfristig einschränken. Survivorship-Studien zeigen zudem, dass Immunfunktionen, Stoffwechselprozesse und die Gewebehomöostase oft erst verzögert oder unvollständig in den Ausgangszustand zurückkehren.

In diesem veränderten biologischen Umfeld wirkt Alkohol nicht mehr als isolierter Risikofaktor. Vielmehr kann er als Verstärker bestehender Vulnerabilitäten verstanden werden: Acetaldehyd erhöht oxidativen Stress, hemmt DNA-Reparaturenzyme und verstärkt entzündliche Signalwege – genau jene Prozesse, die nach einer Tumortherapie ohnehin bereits aktiviert oder geschwächt sind. Alkohol wirkt damit weniger als Auslöser neuer Schäden, sondern eher wie ein „Brandbeschleuniger“, der bestehende Zellschäden und Entzündungsprozesse intensiviert

Doppelbelastung

Für Leber und Nährstoffhaushalt

Ein weiterer zentraler Akteur sitzt direkt unterhalb des rechten Rippenbogens: die Leber. Dieses Entgiftungsorgan ist nach einer Tumortherapie häufig stark gefordert. Viele Krebsmedikamente werden über sie abgebaut und können ihre Entgiftungs- und Stoffwechselfunktionen vorübergehend oder dauerhaft beeinträchtigen. Hinzu kommen Begleiterkrankungen sowie die parallele Einnahme mehrerer Medikamente.

Mit anderen Worten sie ist so überlastet wie eine frisch gebackene Mehrlings-Mutter – und kann mit Alkohol in diesem Moment genauso wenig anfangen. Er kann entzündliche Prozesse und oxidativen Stress in der Leber verstärken und die Geweberegeneration verlangsamen.

Darüber hinaus zeigen aktuelle Übersichtsarbeiten, dass Alkohol die Aufnahme und Verwertung wichtiger Mikronährstoffe beeinträchtigt, darunter Folat, Vitamin B12, Vitamin D, Zink und Selen (Butts et al., 2023). Diese Mikronährstoffe sind essenziell für DNA-Reparatur, Immunfunktion und zellulären Schutz. Fehlen sie, stehen dem Körper wichtige „Werkzeuge“ für die Regeneration nicht ausreichend zur Verfügung. Das Resultat ist nicht selten eine verlangsamte Erholung nach der Tumortherapie, begleitet von anhaltender Erschöpfung, erhöhter Infektanfälligkeit oder verzögerten Heilungsprozessen (Fagbohun et al., 2023)

Die Langzeitfolgen

Auch Jahre nach der Therapie ist Alkohol relevant

Neben diesen eher kurzfristigen Effekten lohnt sich auch ein Blick auf die Langzeitfolgen des Alkoholkonsums nach einer Krebstherapie. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse untersuchte 33 Studien mit über 21.000 Brustkrebspatientinnen, die nach der Diagnose weiter beobachtet wurden.

Das ernüchternde Ergebnis: Regelmäßiger oder höherer Alkoholkonsum war mit einer erhöhten Gesamtmortalität assoziiert. Ein sicherer Schwellenwert für einen „unbedenklichen“ Konsum konnte auch hier nicht identifiziert werden. Die AutorInnen empfehlen daher einen präventiven Verzicht, um insbesondere

Langzeitrisiken und das Risiko von Zweitmalignomen zu reduzieren (Nomura et al., 2023). Eine weitere große prospektive Kohortenstudie mit über 3.600 Brustkrebsüberlebenden zeigt jedoch, wie differenziert die Datenlage ist: Zwar fand sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen moderatem Alkoholkonsum in der frühen Nachsorge und dem unmittelbaren Rückfallrisiko, gleichzeitig zeigten sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen einzelnen PatientInnengruppen – etwa in Abhängigkeit vom Körpergewicht und metabolischen Faktoren (Kwan et al., 2023).

Auch die AutorInnen dieser Studie betonen ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse keinen sicheren Alkoholkonsum belegen, sondern vielmehr die Komplexität der biologischen Situation nach einer Krebstherapie widerspiegeln

Das Fazit

Ohne Panik - ohne Ignoranz

Was nun? Wie wir ja schon ein paarmal angedeutet haben, beim Alkohol gilt gerade bei Patienten nach einer Krebserkrankung:

weniger ist immer besser
.

ABER, dies ist kein Text, der den völligen Verzicht ausrufen möchte. Alkohol ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, und es ist oft schwierig, sich sozialen Ritualen – sei es das Anstoßen bei einem freudigen Anlass oder der Restaurantbesuch mit Weinbegleitung – zu entziehen. Jede und jeder sollte selbst entscheiden, aber informiert entscheiden, was in der jeweiligen Situation sinnvoll ist.

Entscheidend ist ist das Verständnis dafür, warum der Körper nach der Therapie – und auch Jahre danach – anders reagiert, warum die Empfehlungen strenger ausfallen als für Gesunde, und dass Verzicht auf Alkohol eine aktive Form der Selbstfürsorge sein kann.

Da Genuss nicht automatisch an Ethanol gebunden ist, werden wir im nächsten Blog-Beitrag über alkoholfreien Wein sprechen und ergründen, ob es neueste Technologien schaffen können, dass dieser eine echte Alternative darstellen kann.

Literaturverzeichnis
  1. Rumgay, H., Murphy, N., Ferrari, P., Soerjomataram, I. (11. Sep 2021). Alcohol and Cancer: Epidemiology and Biological Mechanisms. Nutrients, 13(9), S. 3173.
  2. Nomura, T., Kawai, M., Fukuma, Y., Koike, Y. et al. (Jul 2023). Alcohol consumption and breast cancer prognosis after breast cancer diagnosis: a systematic review and meta‑analysis of the Japanese Breast Cancer Society Clinical Practice Guideline, 2022 edition. Breast Cancer, 30(4), 519-530.
  3. Butts, M., Sundaram, V., Murughiyan, U. et al. (24. Mar 2023). The Influence of Alcohol Consumption on Intestinal Nutrient Absorption: A Comprehensive Review. Nutrients, 15(7), 1571.
  4. Fagbohun, O., Gillies, C., Murphy, K. et al. (23. Mar 2023). Role of Antioxidant Vitamins and Other Micronutrients on Regulations of Specific Genes and Signaling Pathways in the Prevention and Treatment of Cancer. Int J Mol Sci, 24(7), 6092.