„Genuss ist nicht an Alkohol gebunden“

Ernährung Gesundheit

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Im letzten Blogbeitrag haben wir über die Bedeutung von Alkohol für (ehemalige) Krebspatientinnen und -patienten gesprochen und den bewussten Verzicht darauf als eine aktive Form der Selbstfürsorge beschrieben. (sieh dazu den Blogbeitrag: Mit dem Leben anstoßen – oder doch lieber nur nippen? ). Denn so selbstverständlich Alkohol in unserer Gesellschaft auch zum Alltag gehört, so klar ist aus wissenschaftlicher Sicht: Er ist kein harmloses Genussmittel. Bereits in kleinen Mengen wirkt Alkohol als Zellgift, das den Körper auf vielfältige Weise belastet.

„Was mir oft fehlt, ist Empathie für Menschen, die keinen Alkohol trinken können oder möchten.“

Gregory Thomas Emmel

Internationale Fachgesellschaften und große Übersichtsarbeiten kommen heute übereinstimmend zu dem Ergebnis:

Es gibt keine regelmäßig konsumierte Alkoholmenge, die als sicher oder gar gesundheitsförderlich gilt
(IARC Evidence Summary rief No.6).

Die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) stuft Alkohol als Gruppe-1-Karzinogen ein also als Stoff, der zweifelsfrei krebserregend ist. Selbst geringe Mengen können das Risiko für Brust-, Leber-, Darm-, Mund- und Rachenkrebs erhöhen. Für Patientinnen und Patienten während einer Krebstherapie gilt Alkohol daher als klares „No-Go“. Gleichzeitig bleibt der Wunsch nach Genuss, Ritualen und sozialer Teilhabe bestehen. Essen und Trinken sind tief in unserer Kultur verankert sie stiften Gemeinschaft, Identität und Lebensfreude. Deshalb stellt sich für viele die Frage: Wie kann Genuss ohne Alkohol gelingen, ohne dass er als Verzicht erlebt wird? Wenn wir uns speziell dem Wein widmen, fällt schnell auf, wie wenig sein kultureller Wert mit dem Alkoholgehalt zu tun hat. Seine unterschiedlichen Aromen und die Komplexität, die ihn bei Kennern so beliebt macht, beruhen vielmehr auf seiner Vielschichtigkeit als Naturprodukt. Der Ursprung dieser Geschmacksvielfalt liegt in den Schalen und Kernen der Trauben: die Polyphenole sekundäre Pflanzenstoffe wie Resveratrol, Flavonoide und Procyanidine, die zudem stark antioxidativ wirken. Diese natürlichen Verbindungen können freie Radikale neutralisieren, Entzündungsprozesse hemmen und die Gefäßfunktion unterstützen (Buljeta, Pichler, Šimunović, & et al., 2023)

Interview mit Gregory Thomas Emmel

Es geht nicht um Verzicht, sondern um neue Wege des Genusses
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Genuss ohne Alkohol – durch Qualität, Achtsamkeit und gemeinsames Erleben – an dieser Stelle setzt Gregory Thomas Emmel an. Als Gründer von Haardt Hills möchte er alkoholfreien Wein als eigenständige Kategorie etablieren – nicht nur als Alternative, sondern als bewusste Entscheidung für Qualität und Lebensstil. Dieses Interview möchten wir dabei stellvertretend für all jene Menschen, sehen die neue Wege gehen, Bestehendes hinterfragen und Genuss neu definieren.

Wir haben Gregory Emmel bewusst als Gesprächspartner ausgewählt, da eine persönliche Verbindung besteht: Er ist mit Prof. Dr. Nüssler, Vorsitzender der Wolfgang-Wilhelm-Stiftung, freundschaftlich verbunden. Darüber hinaus sind beide Gründungsmitglieder der Food and Health e.V..
Damit möchten wir transparent machen: Es handelt sich nicht um ein gewerbliches Interview, sondern um einen persönlichen Austausch innerhalb eines Netzwerks von Menschen, die sich für Gesundheit, Prävention und bewussten Genuss engagieren.
Im Gespräch spricht Gregory Emmel über seine Motivation, über gesellschaftliche Veränderungen im Umgang mit Alkohol und darüber, welche Rolle alkoholfreie Genussangebote insbesondere für Menschen spielen können, die aus gesundheitlichen Gründen bewusst auf Alkohol verzichten – etwa nach einer Krebserkrankung.

Herr Emmel, was war Ihre ursprüngliche Motivation, sich mit alkoholfreiemWein zu beschäftigen?

Die Idee entstand aus dem Wunsch heraus, ein Getränk für Erwachsene zu entwickeln, das handwerklich hergestellt ist, natürlich, kalorienarm und nicht süß. Es geht dabei um Perspektive: Am Tisch wird viel über Wein gesprochen über Terroir, Jahrgang und Herkunft. Über Wasser oder alkoholfreie Alternativen hingegen kaum. Alkoholfreier Wein soll Menschen, die keinen Alkohol trinken möchten oder dürfen, auf Augenhöhe Teil dieser Genusskultur sein lassen – ohne Verzicht, ohne Rechtfertigung.

Hat die Arbeit mit alkoholfreien Weinen Ihren Blick auf Alkohol, Gesundheit oder Achtsamkeit verändert?

Ja, durchaus. Dass Alkohol gesundheitlich nicht förderlich ist, war mir bewusst. Spannend finde ich jedoch, wie emotional dieses Thema diskutiert wird: Entalkoholisierter Wein wird häufig für seinen Zuckergehalt und den Energieverbrauch bei der Entalkoholisierung angegriffen. Ich bin mit einer Winzerin verheiratet, wir haben viele Termine mit Kundinnen, Kunden und internationalen Partnern dort gehört die Verkostung alkoholischer Weine dazu. Zu Hause trinken wir fast ausschließlich Wasser und alkoholfreies Bier. Achtsamkeit war also schon vorhanden. Neu hinzugekommen ist mein intensiverer Blick auf Gesundheit vor allem ausgelöst durch die vielen persönlichen Zuschriften unserer Kundinnen und Kunden. Zuvor habe ich das Thema alkoholfreier Getränke eher aus einer Fitness-Perspektive betrachtet.

Alkoholfreier Wein
Alkoholfreier Wein

Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Alkoholfreier Wein ist mehr als ein Ersatzprodukt?

Spricht man mit Weinprofis, landet man schnell beim Vergleich mit alkoholischem Wein und alkoholfreie Weine schneiden dabei fast zwangsläufig schlechter ab, wenn man sie nicht als eigenständige Kategorie denkt. Alkohol wirkt nun einmal als Geschmacksverstärker, ähnlich wie Butter. Was mir dabei oft fehlt, ist Empathie für Menschen, die keinen Alkohol trinken können oder möchten. Mir geht es darum, alkoholfreien Wein mit derselben handwerklichen Sorgfalt zu produzieren: Herkunft, Qualität, Haltung. Nicht die Apfelsaftschorle mit Kindergetränk-Assoziationen, nicht die Zitronenlimo und auch nicht der Verweis auf Wasser. Diese Alternativen zeigen oft, wie wenig sich klassische Weintrinker mit der Lebensrealität alkoholfreier Menschen auseinandersetzen.

Sie sagen: Alkoholfreier Wein ist kein Verzicht, sondern eine eigenständige Entscheidung. Was heißt das konkret?

Wein war für mich immer eng mit Gesellschaft, aufwendig hergestellten Speisen und guten Gesprächen verbunden. Irgendwann wurde mir klar, dass alkoholischer Wein häufig im Zentrum dieser Situationen steht das Teilen einer Flasche, das Gespräch über subjektive Verkostungserfahrungen während Menschen mit Wasser eher am Rand sitzen. Mir fehlte irgendwann auch die Erklärung, welchen Erkenntnisgewinn die achte Flasche Wein am Abend in einer Verkostungsrunde wirklich bringt. Ich wollte ein Getränk schaffen auch im Markenauftritt , das Menschen ohne alkoholischen Wein nicht aus dieser Gemeinschaft ausschließt. Meine Idee war deshalb, einen Wein zu entwickeln, der bewusst alkoholfrei gewählt wird. Im Bierbereich sind wir gesellschaftlich bereits deutlich weiter.

Verändert sich gerade die gesellschaftliche Vorstellung von Genuss ohne Alkohol?

Definitiv. Die Verbindung von Genuss und Alkohol ist kulturell tief verankert. Ich vergleiche das gern mit meiner Arbeit beim Food-&-Health-Kantinentest: Anfangs war es für viele Küchenchefs unvorstellbar, Gerichte ohne Fleisch zu denken. Heute sind Flexitarier die am stärksten wachsende Gruppe. Ähnlich sehe ich es beim Alkohol: Mal mit, mal ohne das ist eine Form von Genuss, die funktioniert und nicht polarisiert. Besonders deutlich wird der Wandel bei den 40- bis 60-Jährigen. Sinkende Champagner- und Premiumweinverkäufe zeigen, dass auch diese Generation bewusster lebt, gesünder altern möchte und ihren Alkoholkonsum moderater gestaltet. Bei der jüngeren Generation beobachte ich zudem einen starken Optimierungsgedanken: größere Sorgfalt, gesund älter zu werden und fit zu bleiben. Gleichzeitig korreliert der Rückgang des Alkoholkonsums auch damit, dass sich junge Menschen seltener persönlich treffen und häufiger digital verbunden sind.


Können alkoholfreie Weine helfen, soziale Rituale ohne Alkohol aufrechtzuerhalten?

Genau darum geht es mir. Gemeinschaft ist zentral. Deshalb war früh klar, dass Haardt Hills auf die besten Tische der Republik gehört vom Drei-Sterne-Restaurant bis ins Bundespräsidialamt. Nicht als Nebenprodukt, sondern als selbstverständlicher Teil der Genusskultur. Das gelingt bislang sehr gut. Nicht der Alkohol steht im Zentrum, sondern die Hingabe bei der Produktion, die Handwerklichkeit, die Geschichte, der Genuss also das Wissen, woher etwas kommt und die Aufmerksamkeit, die solchen Getränken auch im Service entgegengebracht wird. Vergleichen Sie das mit einer Flasche Wasser, die kommentarlos zum Selbsteinschenken auf den Tisch gestellt wird: ein völlig anderes Level an Wertschätzung.

Begegnen Ihnen viele Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen auf Alkohol verzichten?

Ja und das hat mich in seiner Dimension überrascht. Viele schreiben mir, wie dankbar sie sind, wieder ein kulturell hoch angesehenes Getränk genießen zu können, obwohl sie aus gesundheitlichen Gründen keinen Alkohol mehr trinken dürfen. Eine Anekdote: Eine Kundin bestellt regelmäßig, geliefert wird jedoch an einen Mann. Auf Nachfrage erzählte sie mir, die Weine seien für ihren 90-jährigen Schwiegervater, der den Riesling „wie ein Lebenselixier“ trinke. Das zeigt, wie stark die soziale und emotionale Kraft solcher Getränke ist weit über Wasser hinaus. Menschen ziehen einen großen Wert daraus, dass sich ein Hersteller die Mühe macht, ein solches Getränk zu entwickeln, anstatt sie einfach auf „die Wasserschiene“ abzustellen.

Welche Rolle können alkoholfreie Genussangebote nach schweren Erkrankungen spielen – ganz ohne medizinische Bewertung?

Eine sehr große. Die meisten Menschen schreiben mir nicht über Diagnosen. Aber klar ist: Der frühere Konsum ist oft nicht mehr möglich. Umso wichtiger sind genussvolle Alternativen, die mit derselben Wertschätzung serviert werden im richtigen Glas, bei der richtigen Temperatur, gern auch aus der Karaffe. Für mich ist das auch eines der Argumente, warum Mocktails heute viel stärker akzeptiert werden. Wenn man beobachtet, wie ein Barkeeper einen alkoholfreien Cocktail mit derselben Leidenschaft und demselben Aufwand zubereitet wie einen klassischen Drink, dann ist das gelebte Wertschätzung. Ja, alkoholfreie Genussangebote können hier viel beitragen.

Welche Verantwortung tragen ProduzentInnen im Spannungsfeld von Alkohol, Genuss und Gesundheit?

Ich bin seit fast zwölf Jahren in der Weinbranche. Wein ist und bleibt für mich ein Kulturgut, dennoch wird Wein oft verklärt. Fakt ist: Er bleibt ein Nervengift. Die Menge ist entscheidend unabhängig davon, wie viel oder wie wenig eine Flasche kostet. Gleichzeitig erscheint mir die Diskussion häufig polarisiert und einseitig. Ich vertrete eine liberale Haltung: Nicht alles im Leben muss gesundheitsförderlich sein. Ohne Kopfbedeckung bei 35 Grad in der prallen Sonne zu schwimmen ist auch nicht gesund macht aber Freude. Ich kann nachvollziehen, dass viele Produzenten die aktuellen Diskussionen als Angriff auf ihre Kultur, ihre Familie oder sogar ihre Familiengeschichte wahrnehmen. Zum Teil ist das auch so. Vieles wird vereinfacht, es wird kaum noch zwischen Wodka und Wein unterschieden obwohl es die Konzentration des Alkohols eigentlich erforderlich machen würde. Die Zukunft sehe ich im moderaten Konsum und qualitativ hochwertiger Weine. Auch im Weingut meiner Frau gilt der Fokus ausschließlich auf Weinen höchster Handwerklichkeit, ausschließlich aus klassifizierten ersten und großen Lagen, per Hand gelesen. Sie werden bewusst zu besonderen Momenten geöffnet – seltener, aber mit hoher Aufmerksamkeit. Gleiches gilt für mich beispielsweise bei der Pfälzer Weinschorle: Wir mischen sie im Verhältnis ¼ Wein zu ¾ Wasser. Das ist wunderbar erfrischend und deutlich moderater als frühere Mischungen mit 90 Prozent Wein. 

Was fehlt Ihrer Meinung nach in der öffentlichen Diskussion über Alkohol?

Zwei Dinge. Erstens: die klare Differenzierung zwischen Alkoholabhängigkeit und Krankheiten, deren Risiko durch Alkohol steigt. Es gibt Studien, die zeigen, dass hoher Weinkonsum nicht automatisch mit Alkoholabhängigkeit einhergeht.

Zweitens: Alkohol ist nicht gesundheitsförderlich Punkt. Trotzdem braucht es eine differenzierte Betrachtung und vor allem eine klare Kommunikation zum moderaten Konsum. Risiken müssen benannt werden, ohne Moralkeule. Unsere Gesellschaft erscheint mir dabei in vielen Bereichen überfordert und sucht dann verstärkt nach Kontrolle der eigenen, aber auch der des Verhaltens anderer. Das halte ich für vereinfachend und in Teilen gefährlich. Der Internist Johannes Scholl hat in der FAZ ein differenziertes Bild gezeichnet zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf der einen Seite und beispielsweise Brustkrebs auf der anderen. Die Diskussion ist grundsätzlich richtig, sie muss nur differenzierter geführt werden.

Was möchten Sie Menschen nach einer Krebserkrankung persönlich mitgeben? Ich wünsche ihnen die Freude an kleinen Ritualen. Beim Wein gehören für mich das richtige Glas, die passende Temperatur und auch Ästhetik dazu. Vor allem aber die Gesellschaft. Ich werde oft gefragt, warum ich mich schon in jungen Jahren für Wein begeistert habe. Rückblickend waren es neben dem Wein selbst vor allem die gesellschaftlichen Anlässe, das Kochen mit Freunden und Familie, die gemeinsame Zeit. Es geht darum, neue Wege des Genusses gemeinsam zu entdecken. Was mich am Wein immer fasziniert hat: Man lernt nie aus, alles verändert sich mit der Zeit. Genau das wünsche ich mir auch für unseren Konsum. Vielleicht beginnt eine Entdeckungsreise durch die Teewelt oder andere alkoholfreie Getränke. Genuss ist nicht an Alkohol gebunden. Am Ende geht es um Achtsamkeit sich Zeit zu nehmen, für sich, für Familie, für Freunde. Dann entstehen gute Gespräche und echte Gemeinschaft, auch ohne Alkohol.

Gregory arbeitet seit mehr als 15 Jahren in der Wein- und Food-Consulting-Branche. Sein beruflicher Weg führte ihn vom Gault&Millau-Weinguide über die Beratung von Weingütern und Weinhändlern bis hin zur Mitgründung des Food & Health-Kantinen (-tests) und -Siegels, das als EU-Gewährleistungsmarke eingetragen ist.

Im Jahr 2025 gründete er Haardt Hills, eine Premium-Marke für alkoholfreie Weine, die inzwischen im DACH-Raum sowie in vier weiteren Exportmärkten vertreten ist.

Literaturverzeichnis

Buljeta, I. et al. (2023, Jan 17). Beneficial Effects of Red Wine Polyphenols on Human Health: Comprehensive Review. Curr Issues Mol Biol, 45(2), 782-798.