Bonbon-Bunt - und ganz schön schädlich?
- Feb 10
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Updated: May 12

Was, wenn der Zucker in unseren Süßigkeiten das geringste Problem für unsere Kinder wäre – und was die Wissenschaft heute darüber weiß
Zwischen Zuckerrausch und Farbexplosion
Mit leuchtenden Augen stehen meine Kinder vor dem Süßigkeitenregal. Sie wollen alles haben: Gummibärchen, Kaubonbons, Zuckerstangen… Gerade in der Vorweihnachtszeit ist der Gang zum Supermarkt mit kleinen Kindern eine echte Herausforderung.
„Das ist zu süß, das macht eure Zähne kaputt“, sage ich und ziehe sie weiter. Doch ist das wirklich das größte Problem?
Klar, Zucker ist schädlich für unsere Gesundheit – das haben wir nicht zuletzt in diesem Blog bereits erörtert Süße (Steuer-) Last). Und doch vermuten immer mehr Wissenschaftler, dass eine noch viel weniger bekannte Gefahr in den bunt leuchtenden Leckereien steckt. Eine Gefahr, die so schöne Namen trägt wie „Sunset Yellow“, „Brilliant Blue“ oder „Tartrazin“.
Dabei handelt es sich um sogenannte Azo-Farben – künstliche Farbstoffe, die in unserem Körper weit über die Optik hinaus wirken.
Seit den 1970er-Jahren beschäftigen sich Wissenschaftler, Elterninitiativen und Verbraucherschutzorganisationen mit den möglichen Auswirkungen dieser Farbstoffe auf unseren Organismus – speziell auf den von Kindern.
Damals lag der Fokus auf Verhaltensauffälligkeiten, insbesondere ADHS-Symptomen.
Heute weiß man jedoch: Die Sache ist – wie so oft – komplexer. Und sie betrifft zentrale Systeme wie Gehirn, Immunsystem und Darm-Mikrobiom.
„Bei Kindern mit Begleiterkrankungen wie Autismus-Spektrum-Störungen oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung kann die Exposition gegenüber synthetischen Farbstoffen bestehende Symptome verstärken und den Umgang mit der jeweiligen Erkrankung erschweren. Doch auch bei Kindern ohne Begleiterkrankungen können synthetische Farbstoffe ein Gesundheitsrisiko darstellen, indem sie die kognitive, verhaltensbezogene, metabolische und ernährungsbezogene Entwicklung beeinflussen.“ De Oliveira et al. (2024), “Synthetic Colors in Food: A Warning for Children’s Health”
Chemisch stabil – biologisch brisant
Starten wir mit einem kleinen Profiling: Was sind Azo-Farben eigentlich?
Als sie in den 1950er- bis 1970er-Jahren auf den Markt kamen, galten sie als technologische Erfolgsgeschichte: Sie waren stabil, farbintensiv und günstig herzustellen.
Die hochreaktionsstabile Azo-Bindung (–N=N–) machte sie widerstandsfähig gegenüber Licht, Hitze und Oxidation – perfekt für Lebensmittel, die lange haltbar und dauerhaft farbintensiv sein sollten.
Doch genau diese chemische Robustheit macht sie biologisch problematisch: Azo-Farbstoffe werden im Körper (und in der Umwelt) nur schwer abgebaut.
„Das ist doch gut“, könnte man meinen. „Dann gehen sie einfach durch den Körper und richten keinen Schaden an.“
Doch diese Rechnung wurde ohne den Wirt – sprich: unser Mikrobiom – gemacht.
Nachdem die Verbindungen den oberen Verdauungstrakt nahezu unverändert passiert haben, werden sie im Dickdarm durch Bakterien in potenziell toxische Zwischenprodukte, sogenannte aromatische Amine, umgewandelt.
Diese Substanzen zeigten im Tierversuch entzündungsfördernde und möglicherweise krebserregende Eigenschaften.
In einer Tierstudie führte der Azo-Farbstoff Red 40 zu DNA-Brüchen und chronischen Dickdarmentzündungen, insbesondere bei fettreicher Ernährung (1). Laut aktuellen Übersichtsarbeiten stehen sie zudem im Verdacht allergische Reaktionen, Asthma und neurotoxische Effekte auszulösen (2) (3).

Dennoch wurden die Farbstoffe in der Vergangenheit von der FDA (USA) und später von der EFSA (Europa) als “sicher” eingestuft. Der Grund liegt in der engen Definition von Sicherheit, die damals galt: Ein Stoff galt als unbedenklich, solange er keine akute Vergiftung, keine Missbildungen oder Krebs verursachte. Subtile, langfristige oder systemische Effekte – etwa auf das Verhalten, das Immunsystem oder die Darmflora – spielten in der Risikobewertung keine Rolle.
Neuere Studien zeigen, dass chemisch stabile Moleküle nicht zwangsläufig biologisch inert sind. Selbst in kleinen Mengen können sie Signalkaskaden, Entzündungsprozesse oder mikrobielle Veränderungen auslösen – besonders bei empfindlichen Personen und Kindern, deren Entgiftungssysteme und Mikrobiom noch nicht vollständig entwickelt sind (4). Aus diesem Grund plädieren heute Fachgesellschaften und Behörden wie die EFSA für ein erweitertes Sicherheitsverständnis, das auch niedrige Dosen und biologische Aktivität berücksichtigt.
Hyperaktivität und mehr – wie wirken sich AZO-Farbstoffe auf die Psyche aus
Gehen wir zurück in die 1970er Jahre. Wie bereits erwähnt war hier das Thema Hyperaktivität dominieren. Die Diskussionen begannen mit der Vermutung eines US-amerikanischen Kinderarztes namens Benjamin Feingold über den Zusammenhang zwischen bestimmten Nahrungszusätzen (darunter Farbstoffe) und Hyperaktivität sowie Konzentrationsproblemen. Die sogenannte Feingold-Hypothese blieb jahrzehntelang umstritten – bis moderne Studien sie untermauerten.
Neuere Metaanalysen und klinische Studien zeigen, dass Kinder, die regelmäßig synthetische Farbstoffe konsumieren, häufiger unter Aufmerksamkeitsstörungen, Reizbarkeit und Schlafproblemen leiden (5). (1). Die Autoren betonen dabei, dass Kinder ohne ADHS-Diagnose ebenfalls betroffen sein können – insbesondere bei hoher Farbstoffaufnahme.
Ein weiteres Problem ist der sogenannte Synergie-Effekt. Denkt man an die Vielfalt der Süßigkeiten und gezuckerten Getränke wird schnell klar, dass die künstlichen Farbstoffe selten isoliert auftreten. Wenn sie als Bestandteil hochverarbeiteter Lebensmittel konsumiert werden, kommen neben Zucker auch oft Emulgatoren und Süßstoffe hinzu. Ein teuflischer Cocktail dessen synergetischen Effekte das Aufteten von Entzündungen und Stoffwechselstörungen begünstigt (2). Besonders Kinder sind hier als Risiko-Gruppe zu sehen, da sie natürlich kleiner sind und so – gemessen am Körpergewicht – ungleich mehr dieser Produkte konsumieren (3).
Der Ausweg? Die Farbpalette der Natur
Was machen wir nun mit all diesen neuen Erkenntnissen? Die Kinder unter den Arm klemmen und schreiend aus dem Supermarkt flüchten?
Zum Glück gibt es noch andere Alternativen: Immer mehr künstliche Farbstoffe werden heutzutage durch pflanzliche Pigmente wie Curcumin, Anthocyane, Chlorophyllin oder Betalaine ersetzt. Und das beste daran: sie wirken auch noch antioxidativ, entzündungshemmend und teilweise probiotisch (6) (7).
“Ein Hoch auf die Natur” möchte man da fast meinen.
Keine Panik:
Eine kurze Handlungsempfehlung für Verbraucher/innen
Etiketten prüfen: Meiden Sie Produkte mit E-Nummern wie: E102, E110, E122, E124, E129, E133.
Natürliche Alternativen bevorzugen: Kurkuma, Spirulina, Rote Bete und Beerenfarben sind gute Alternativen zu Azo-Farbstoffen und werden immer beliebter.
Selbst machen: Hausgemachte Snacks mit natürlichen Zutaten sind natürlich am gesündesten und auch nachhaltiger als Industrie-Produkte.
Kinder schützen: Aufklärung hilft um den unbewussten Farbstoffkonsum unserer Kleinen zu reduzieren.

Literaturverzeichnis
1. Zhang Q, et al. "The synthetic food dye, Red 40, causes DNA damage, causes colonic inflammation, and impacts the microbiome in mice." Toxicol Rep 11 (2023): 221-232.
2. Barciela, P,et al. "Azo dyes in the food industry: Features, classification, toxicity, alternatives, and regulation." Food and chemical toxicology : an international journal published for the British Industrial Biological Research Association (2023): 113935.
3. De Oliveira Z, et al. "Synthetic Colors in Food: A Warning for Children’s Health." International Journal of Environmental Research and Public Health (2024): 21.
4. Balachandran B and Sabumon PC "A comprehensive review on biodegradation of azo dye mixtures, metabolite profiling with health implications and removal strategies." Journal of Hazardous Materials Advances 19 (2025): 100834.
5. Ambroziewicz Z, et al. "Long-Term Health Effects of Artificially Colored Foods in Adults and Children: A Review of Scientific Literature on Attention Deficits, Carcinogenicity, and Allergy Risks." Journal of Education, Health and Sport 76 (2024): 56522.
6. Li N, et al. "Insight into the Progress on Natural Dyes: Sources, Structural Features, Health Effects, Challenges, and Potential." Molecules (2022): 27.
7. Griffiths K, et al. "Food Antioxidants and Their Anti-Inflammatory Properties: A Potential Role in Cardiovascular Diseases and Cancer Prevention." Diseases (2016): 4.
8. Arnold LE, et al. "Artificial food colors and attention-deficit/hyperactivity symptoms: conclusions to dye for." Neurotherapeutics 9.3 (2012): 599-609.


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