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Wenn Wein plötzlich gesund ist - und was wir daraus über Wissenschaft lernen sollten

  • 2 days ago
  • 4 min read




„Ein Glas Wein am Abend verlängert das Leben.“


Solche Schlagzeilen verbreiten sich zuverlässig – und genauso zuverlässig sind sie wissenschaftlich problematisch. Die Frage ist: Was steckt wirklich hinter diesem Versprechen? Und was können wir aus solchen Artikeln über das grundlegende Missverständnis zwischen Wissenschaft und Medien lernen?



Der Reihe nach: Im März dieses Jahres wurde auf der wissenschaftlich hochrelevanten Jahrestagung des American College of Cardiology (ACC 2026) eine große Analyse aus der UK Biobank vorgestellt. Der Titel: „Die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkohol hängen davon ab, was man trinkt – und wie viel“.


Das Ergebnis dieser Studie lässt sich wie folgt zusammenfassen: Moderater Weinkonsum ist – im Gegensatz zu beispielsweise Bier – mit einem geringeren Risiko für kardiovaskuläre Todesfälle verbunden.


Was in den Medien schnell zu „Wein ist gesund“ verkürzt wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht jedoch ein Paradebeispiel für ein grundlegendes Problem: die Verwechslung von Korrelation und Kausalität.


Die Studie selbst ist methodisch solide. Rund 340.000 Menschen wurden über einen Zeitraum von etwa 13 Jahren beobachtet – typisch für große Kohortenstudien.


Aus der Analyse der gesammelten Daten ergeben sich folgende zentrale Erkenntnisse:


  • Hoher Alkoholkonsum erhöht das Sterberisiko deutlich.

  • Moderater Konsum zeigt unterschiedliche Zusammenhänge je nach Getränk.

  • Weintrinker weisen eine geringere kardiovaskuläre Sterblichkeit auf als Abstinente.

  • Der Konsum von Bier und Spirituosen ist hingegen auch in moderaten Mengen eher mit einem erhöhten Risiko verbunden.


Das ist eine durchaus spannende Beobachtung.

Doch – und das ist der entscheidende Punkt – es handelt sich um eine Beobachtungsstudie.


Ein zentrales Problem dabei: Selbst moderne statistische Modelle können sogenanntes Residual Confounding nicht vollständig ausschließen. Darunter versteht man versteckte oder unzureichend berücksichtigte Einflussfaktoren, die Ergebnisse trotz aller methodischen Sorgfalt verzerren können – ein klassisches Problem der Alkoholforschung.


Selbst moderne statistische Modelle können sogenanntes Residual Confounding nicht vollständig ausschließen


Ein Beispiel: Menschen, die regelmäßig Wein trinken, haben im Durchschnitt häufiger ein höheres Einkommen, ein besseres Bildungsniveau und eine insgesamt gesündere Lebensweise als Personen, die eher Bier konsumieren ( (Zhao, et al., 2023) (Naimi , et al., 2017)

Damit kommen wir zum zentralen Punkt dieses Beitrags: dem Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität.

Kurz gesagt:


  • Korrelation bedeutet: Zwei Dinge treten gemeinsam auf.

  • Kausalität bedeutet: Das eine verursacht das andere.


Auf die Studie übertragen heißt das:Weintrinker haben ein geringeres Sterberisiko.

Die Studie zeigt jedoch nicht, dass Wein dieses Risiko reduziert.

Dieser Unterschied ist die Grundlage jeder wissenschaftlich sauberen Interpretation (Hernán & Robins, 2020)


Warum Weintrinker oft gesünder sind – ganz ohne Wein


Ein zentraler Mechanismus ist der sogenannte Healthy User Bias.

Das bedeutet: Moderate Weintrinker unterscheiden sich systematisch von anderen Gruppen.


Sie haben häufig:

  • ein höheres Bildungsniveau

  • ein höheres Einkommen

  • eine gesündere Ernährung

  • mehr Bewegung


Aktuelle Analysen zeigen, dass diese Faktoren einen erheblichen Teil der beobachteten Effekte erklären ( (Naimi , et al., 2017); (Collaborators, 2020)).

Konkret heißt das: Wein ist hier kein Wirkstoff – sondern eher ein Marker für einen bestimmten Lebensstil.


Ein weiterer relevanter Punkt betrifft die Vergleichsgruppe der „Abstinenten“. Diese umfasst nicht nur Menschen, die bewusst gesund leben, sondern auch ehemalige starke Trinker oder Personen mit bestehenden Erkrankungen, etwa Krebs.

In der Forschung wird dieses Problem als Sick-Quitter-Bias bezeichnet. Es führt dazu, dass moderate Trinker künstlich gesünder erscheinen.

Neuere Metaanalysen zeigen deutlich, dass der vermeintliche Schutzeffekt deutlich kleiner wird oder ganz verschwindet, wenn dieser Bias sauber kontrolliert wird (Stockwell, et al., 2024).


 

Es klingt plausibel – ist aber kein Beweis


Seit dem sogenannten „French Paradox“ in den 1990er Jahren ist bekannt, dass insbesondere Rotwein Substanzen wie Resveratrol und Polyphenole enthält. Diese wirken antioxidativ, beeinflussen Entzündungsprozesse und können Stoffwechselmechanismen modulieren (Salehi, et al., 2018); (Godos, et al., 2024)


Was dabei oft übersehen wird: Diese Effekte treten erst bei Dosierungen auf, die weit über dem normalen Konsum liegen.


Um eine gesundheitlich relevante Menge Resveratrol aufzunehmen, müsste man theoretisch mehrere Dutzend Liter Wein pro Tag trinken – ein offensichtlich unrealistisches und gesundheitlich katastrophales Szenario.

 

Das ernüchternde Fazit


Große globale Analysen und Stellungnahmen wie die der World Health Organization zeigen immer wieder:


  • Alkohol erhöht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen, insbesondere Krebs.

  • Ein vollständig risikofreies Konsumniveau lässt sich nicht klar definieren.

(Collaborators, 2020); (World Health Organization, 2024)


Gleichzeitig gibt es weiterhin wissenschaftliche Debatten über mögliche J-förmige Zusammenhänge bei moderatem Konsum (Wood, et al., 2018) (Zhao, et al., 2023).

Die Evidenz spricht klar gegen die Aussage „Alkohol ist gesund“ – aber sie ist komplex.

 

Und was machen die Medien daraus?


Warum kommt es zu solchen verzerrten Darstellungen?

Studien werden in der öffentlichen Kommunikation häufig überinterpretiert. Zugespitzte Überschriften und kurze Artikel vereinfachen komplexe Ergebnisse, blenden Unsicherheiten aus und betonen einzelne Studien überproportional.


Empirische Untersuchungen zeigen, dass solche Verzerrungen systematisch auftreten (Sumner, et al., 2014). Dabei wäre eine präzise Formulierung eigentlich ganz einfach:

Die aktuelle Analyse zeigt, dass moderate Weintrinker in einer bestimmten Population bessere gesundheitliche Outcomes aufweisen.Das bedeutet jedoch nicht, dass Wein die Ursache dafür ist.Vielmehr scheint Wein ein Marker für einen insgesamt gesünderen Lebensstil zu sein.


Oder anders gesagt:


Nicht der Wein macht den Unterschied – sondern die Menschen, die ihn trinken.


Aber das wäre vermutlich keine Schlagzeile.


Literaturverzeichnis

Naimi T, et al., 2017. Selection biases in observational studies affect associations between 'moderate' alcohol consumption and mortality. Addiction, Feb, 112(2), pp. 207-214.


Zhao J, et al., 2023. Association Between Daily Alcohol Intake and Risk of All-Cause Mortality: A Systematic Review and Meta-analyses. JAMA Netw Open, 6(3), p. e236185.


Hernán M & Robins J, 2020. Causal Inference: What If, Chapman & Hall/CRC.


GBD 2019 Risk Factors Collaborators., 2020. Global burden of 87 risk factors in 204 countries and territories, 1990-2019: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2019. Lancet, 17 Oct, 396(10258), pp. 1223-1249.


Stockwell T, et al., 2024. Why Do Only Some Cohort Studies Find Health Benefits From Low-Volume Alcohol Use? A Systematic Review and Meta-Analysis of Study Characteristics That May Bias Mortality Risk Estimates. J Stud Alcohol Drugs, Jul, 85(4), pp. 441-452.


Salehi B, et al., 2018. Resveratrol: A Double-Edged Sword in Health Benefits. Biomedicines, 9 Sep, 6(3), p. 91.


Godos J, et al., 2024. Resveratrol and vascular health: evidence from clinical studies and mechanisms of actions related to its metabolites produced by gut microbiota. Front. Pharmacol, Issue 15, p. 1368949.


World Health Organization (WHO), 2024. Global status report on alcohol and health and treatment of substance use disorders, Global report


Wood A, et al., 2018. Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual-participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies. Lancet, 14 Apr, 391(10129), pp. 1513-1523.


Sumner P, et al. 2014. The association between exaggeration in health related science news and academic press releases: retrospective observational study. BMJ, 9 Dec, Issue 349, p. g7015.

 

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