Darmkrebs betrifft auch Jugendliche

– eine wissenschaftliche Einschätzung unseres Vorstands Prof. Dr. med. Volkmar Nüssler in der aktuellen InFo Hämatologie + Onkologie
In der aktuellen Ausgabe der InFo Hämatologie + Onkologie widmet sich unser Vorstand Prof. Dr. med. Volkmar Nüssler gleich in zwei Beiträgen einem Thema, das in der Krebsprävention zunehmend an Bedeutung gewinnt: Darmkrebs bei jüngeren Erwachsenen und die Frage, ob wir das Thema Prävention bei Jugendlichen nochmal grundsätzlich überdenken sollten
Unter dem Titel „Prävention beginnt lange vor der Vorsorgekoloskopie“ greift Prof. Nüssler im Editorial der Ausgabe die aktuelle Diskussion um sogenannte Early-Onset Colorectal Cancers auf – also kolorektale Karzinome, die vor dem 50. Lebensjahr auftreten. Ausgangspunkt ist eine neue deutsche Registeranalyse, die hierzulande ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Diese zeigte auf, dass die Darmkrebsinzidenz bei den 20- bis 39-Jährigen in Deutschland über die Jahre angestiegen ist, besonders deutlich bei den 20- bis 29-Jährigen.
Gleichzeitig mahnt Prof. Nüssler zu einer differenzierten Betrachtung:
Darmkrebs bleibt in diesen Altersgruppen vergleichsweise selten, und die Entwicklung in Deutschland ist deutlich weniger ausgeprägt als beispielsweise in den USA
Gerade deshalb gehe es nicht um Alarmismus, sondern um diagnostische Wachsamkeit, eine sorgfältige Familienanamnese und risikoadaptierte Früherkennung. Warnzeichen wie rektale Blutungen, Eisenmangelanämie, anhaltende Veränderungen der Stuhlgewohnheiten oder ein ungeklärter Gewichtsverlust sollten auch bei jüngeren Menschen ernst genommen werden.8743e
Im zugehörigen Beitrag im Journal-Club des Magazins ordnet Prof. Nüssler die zugrunde liegende Registerstudie von Voigtländer et al. ausführlicher ein. Analysiert wurden Daten aus den Jahren 2003 bis 2023 aus deutschen Krebsregistern. Besonders bei den 20- bis 29-Jährigen nahm die Inzidenz relativ deutlich zu: im Mittel um 3,3 Prozent pro Jahr bei Männern und 3,9 Prozent bei Frauen. Auch bei den 30- bis 39-Jährigen zeigte sich ein Anstieg, während die Entwicklung bei den 40- bis 49-Jährigen weitgehend stabil blieb (Voigtländer, et al., 2026)
Entscheidend ist jedoch auch hier die wissenschaftliche Einordnung: Registerdaten können Entwicklungen sichtbar machen, aber nicht erklären, warum sie auftreten. Angaben zu Ernährung, Körpergewicht, Bewegung, Alkoholkonsum, Antibiotikaexposition, Darmmikrobiom oder sozioökonomischen Faktoren fehlen in solchen Datensätzen. Ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen einzelnen Lebensstilfaktoren und dem beobachteten Anstieg lässt sich deshalb aus der Studie nicht ableiten.
Daraus ergibt sich jedoch eine wichtige Konsequenz:
Primärprävention sollte früher beginnen. Nicht erst dann, wenn eine Vorsorgekoloskopie ansteht, sondern bereits in einer Lebensphase, in derunsere Gewohnheiten bezüglich Ernährung, Bewegung und unserer allgemeinen Gesundheit entstehen. Die aktuelle S3-Leitlinie zum kolorektalen Karzinom empfiehlt unter anderem eine ballaststoff- und vollkornreiche, überwiegend pflanzenbetonte Ernährung, während hochverarbeitete Lebensmittel sowie verarbeitetes und rotes Fleisch begrenzt werden sollten. Auch erhebliches Übergewicht und Bewegungsmangel zählen zu den beeinflussbaren Risikofaktoren (Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, 2026)
Genau hier setzt auch unser Projekt „einfach.lecker.vorsorgen“ an. Damit bringen wir Krebsprävention an Berufsschulen in Bayern und verbinden gemeinsames Kochen mit alltagsnahen Informationen zu Ernährung, Bewegung und Gesundheit. Es geht darum, Gesundheitskompetenz zu stärken und gesündere Entscheidungen im Alltag leichter und attraktiver zu machen.
Die beiden publizierten Beiträge machen deutlich: Die steigenden Darmkrebsraten bei jüngeren Erwachsenen sollten aufmerksam beobachtet werden – ohne die Entwicklung zu dramatisieren. Gleichzeitig liefern sie ein weiteres Argument dafür, bei (Darmkrebs-) Prävention nicht nur an das mittlere oder höhere Lebensalter zu denken.
Krebsprävention beginnt oft viele Jahre vor der eigentlichen Früherkennung – im Alltag, in Familien, Schulen und Ausbildungsstätten und vor allem in der Küche und auf dem Teller.
Die beiden vollständigen Texte sehen Sie hier:

Bibliography
Voigtländer S, et al., 2026. Incidence Trends of Early-Onset Colorectal Cancer in Germany: A Registry-Based Study From 2003 to 2023. Int J Cancer, 1 Nov, 159(9), pp. 2207-2218.
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft), 2026. S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom, Langversion 3.1. [Online] Available at: https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/kolorektales-karzinom/[Accessed Sept 2026].





Comments